© Jürgen Heck
Drei von zehn Lehrlingen brechen ihre Ausbildung vorzeitig ab – so viel wie nie zuvor. Und das in Zeiten, in denen viele Betriebe große Probleme haben, überhaupt Nachwuchs zu finden.
Warum kriselt es so häufig zwischen Firmen und Auszubildene? Ist die Gen Z faul und disziplinlos? Oder müssen sich die Ausbilder mehr um die Lehrlinge bemühen? Die ZDF.reportage begleitet junge Menschen, die die Schule verlassen haben und ins Arbeitsleben starten.
“Ich will endlich mal wieder eine Azubi-Erfolgsgeschichte”, seufzt Patrick Spohner (44), Inhaber einer Schlosserei in Frankfurt a.M. Mit dem Nachwuchs läuft es schlecht. Ein Azubi hat kürzlich abgebrochen und der neue Lehrling Till (20) kommt oft zu spät, ist unzuverlässig oder meldet sich krank. Till selber nennt “persönliche Probleme” als Grund, kritisiert aber auch den rauen Ton und die “echt krass harte Arbeit” im Betrieb. Inhaber Patrick Spohner hätte “sich selbst sowas früher gar nicht erlaubt - man ist halt einfach zur Arbeit gegangen”. Dennoch muss er Till unbedingt halten, denn ohne Azubis geht es in der Schlosserei nicht. Neue findet man kaum.
Der 54jährige Bernd Clemens sagt von sich selbst, er sei ein „Problemlöser“. Er wird gerufen, sobald schwerwiegende Konflikte zwischen Ausbildungsbetrieb und Azubis auftreten. Dann fährt der Ausbildungsberater der IHK Schweinfurt los, um zu vermitteln. Zwei bis dreimal in der Woche klappert er verschiedene Betriebe im Umland ab und spricht mit den Beteiligten. Und die Zahl seiner Fälle steigt kontinuierlich an, denn immer häufiger geben Azubis auf, sobald es schwierig wird. Er hält nichts von einer pauschalen Kritik an der Jugend. „Die sind einfach in einer anderen Position heutzutage. Durch den Fachkräftemangel sind Lehrlinge schwer begehrt. Sie können sich quasi aussuchen, in welchen Betrieb sie gehen und sagen sich dann bei den ersten Schwierigkeiten: Warum soll ich mir das antun?“
Einer seiner Schützlinge ist Carlos Petzel, Lehrling bei der Firma Retrofit Plastic, einem kleinen Ausbildungsbetrieb im unterfränkischen Oberstreu. Die Firma konstruiert, fertigt und repariert Werkzeuge und überholt Werkzeugmaschinen. Anfangs waren sie froh, dass sie Carlos als Nachwuchskraft gewinnen konnten, doch mittlerweile hat sich die Stimmung geändert. Weil er immer wieder unpünktlich kam, kassierte er zwei Abmahnungen. Der Firma rief Ausbildungsberater Bernd Clemens und seitdem läuft es etwas besser. Der Azubi kommt jetzt pünktlich, auch wenn Fehlzeiten immer noch hoch sind. Alternativen hat Retrofit nicht.
Das Nachwuchsproblem ist auch ein Generationenkonflikt. Unterschiedliche Erwartungen auf beiden Seiten sind fast überall Thema. So auch bei der Ausbildungs-Abbrecherin Ecem Alan (17) aus Bedburg bei Köln. “Ich habe mich zu Tode gelangweilt, wurde respektlos behandelt, und wurde eigentlich gar nicht ausgebildet. Stattdessen sollte ich die Klos putzen”, sagt Ecem. Sie kündigte ihren Ausbildungsvertrag nach einem Jahr. Jetzt macht sie ihr Fachabitur sowie den Führerschein und bewirbt sich für eine neue Lehrstelle. Angetrieben auch von ihrer Mutter Aylin Alan (51). Sie war strikt dagegen, dass ihre Tochter die Lehre abbrach. Die nächste Ausbildung müsse sie unbedingt durchziehen. “Du findest sonst später keinen Job!”, warnt sie. Wird Ecem ihren Traumjob finden?
Zwei, die ihren Platz nach langer Suche endlich gefunden haben, sind die beiden Freunde Nico Benzig (21) und Nikita Airich (23) aus Landsberg (Sachsen-Anhalt). Bei der Gerüstbauer-Firma Prinzing ist der Ton rauh, die Arbeit anstrengend. Es geht in die Höhe, kein Ort für schwache Herzen. “Ich habe ADHS und brauche die Bewegung und die Herausforderung”, sagt Nikita lachend. „Das hier ist genau mein Ding.“ Chef Prinzing hofft, dass die beiden bleiben, denn zwei Jahre lang hatte er mit Azubis zu kämpfen, die abgebrochen oder gewechselt haben statt durchzuziehen. „Es wollen sich immer weniger junge Menschen die Hände schmutzig machen, alle wollen Youtuber werden, aber so läuft es nicht.“
Er ist froh, jetzt zwei verlässliche Nachwuchskräfte wie Nico und Nikita zu haben und hofft, dass sie bleiben. Auch hier läuft nicht immer alles rosig, aber die "klotzen ran und können auch den rauen Ton vertragen”, wie auch der Ausbilder Ronny Prinzing (40) sagt.
Die ZDF-Reportage beleuchtet die aktuelle “Azubi-Krise”. Wie können Ausbildungsabbrüche im Handwerk nachhaltig vermieden werden?
Eine Nahaufnahme von der Ausbildungsfront.